Gesundes Wachstum im Mittelstand
31.08.2016, 18.00 - 20.00 Uhr
Vortrags und Podiumsdiskussion in Meppen

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Die ikn2020.

Interview mit Christian Holterhues, Leiter der Geschäftsstelle ikn2020 in Osnabrück.

Die ikn2020 ist die vom Land geförderte Initiative für die Informations- und Kommunikationswirtschaft in Niedersachsen. Sie zielt darauf ab, die acht teilnehmenden Regionen (Braunschweig, Emsland, Göttingen, Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Oldenburg und Osnabrück) zu vernetzen, um die Potenziale der Branche zu bündeln und das Land Niedersachsen langfristig als starken IuK-Standort zu positionieren. Christian Holterhues ist seit September 2009 Leiter der ikn2020 Geschäftsstelle in Osnabrück und unterstützt die regionale IuK-Wirtschaft beim Aufbau eines Netzwerks, um gemeinsam Wachstumspotenziale zu erschließen und die Innovationsfähigkeit der Branche regional und überregional zu stärken.

Herr Holterhues, wir beschäftigen uns mit der Frage, welche Faktoren für gesundes Wachstum im Mittelstand besonders wichtig sind. Aus Ihrer Erfahrung mit mittelständischen Unternehmen der Region Osnabrück heraus: Welche Bereiche oder Faktoren sind in Bezug auf gesundes Unternehmenswachstum ausschlaggebend?

In dem Wirtschaftsbereich, in dem ich mich in erster Linie bewege, das heißt in der Informations- und Kommunikationstechnologien-Branche (IKT-Branche), da steht der Kunde sehr stark im Fokus. Unternehmen haben immer das Ziel Prozesse zu optimieren, Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern. IKT-Dienstleister können hierbei durch für den Kunden maßgeschneiderte IT-Lösungen unterstützen.

Mittelständische IKT-Unternehmen sind häufig spezialisiert. Das heißt, das eine Unternehmen beherrscht bestimmte Programmiersprachen, das nächste kennt sich mit Social Media besonders gut aus, ein Drittes ist darauf spezialisiert Applikationen für das iPhone zu programmieren. So ist es auch im Raum Osnabrück – es gibt hier viele Spezialisten, die aber oft nur Teile der Nachfrage beim Anwender-Unternehmen bedienen können. Insbesondere in der IKT-Branche wird daher verstärkt in globalen Kooperationen gearbeitet, aber 50 % aller Software-Projekte scheitern. Je globaler verteilt bestimmte Akteure in IKT-Projekten zusammenarbeiten, umso höher ist die Gefahr, dass diese scheitern.

Und woran scheitern solche Projekte erfahrungsgemäß?

Dieses Scheitern ist oft bedingt durch das, was Sie Unternehmensgen nennen – die Kultur, die Sprache. Bei diesen Projekten geht es um Kooperation auf zwei Ebenen: Auf der einen Seite müssen natürlich die Projektpartner, die Software-Entwickler oder Dienstleister, eine gemeinsame Sprache sprechen, eine gemeinsame Technologiekompetenz besitzen und müssen wissen, was der Partner möchte – es muss eine möglichst reibungslose Kooperation zwischen den Projektpartnern geben. Die andere Ebene ist die zwischen Anbieter und Kunde. Hier geht es darum, dass beide Projektpartner die Sprache des Kunden sprechen müssen. Das heißt, wenn ich mit einem Produkt auf einen mittelständischen Maschinenbauer zugehe oder auf einen Kunden in der Ernährungswirtschaft und sage: „Ihr braucht eine Social Community-Lösung“, dann weiß dieser Kunde eventuell nicht, was das bedeutet. Das heißt, ich muss dem Kunden in seiner Sprache erklären, was Ziel und Zweck eines solchen IT-Projektes, einer Dienstleistung, eines Produktes sein kann. Das Bestreben der ikn2020 liegt darin, die IKT-Anbieter auf lokaler Ebene besser zu vernetzen, unter anderem, um ein kollaboratives Arbeiten zu initiieren und so das Scheitern von Software- oder IT-Projekten zu verringern.

Auf der Anbieterseite steht demnach die Kundenorientierung und der erfolgreiche Wissenstransfer zwischen den Anbietern als Wachstumstreiber im Fokus. Wie sieht es auf der Anwenderseite aus – also auf der Seite des Kunden? Was braucht der für gesundes Wachstum?

Auf der Anwenderseite, egal in welcher Branche, spielt denke ich die optimale Verknüpfung zwischen Menschen und Prozessen eine große Rolle für das Thema Wachstum. Es gibt viele gute Web 2.0-Tools im Bereich Wissensmanagement, wie z.B. Wiki-Systeme oder Mikroblogs, die Prozesse im Unternehmen dokumentieren und so maßgeblich dazu beitragen, das Wissen im Unternehmen gehalten werden kann. Dies kann jedoch nur erfolgreich geschehen, wenn im Rahmen der Personalentwicklung die Mitarbeiter durch entsprechende Qualifizierungen in die Lage versetzt werden, bestimmte Anwendungen zu verstehen und auszuführen. Hier wiederum können Synergieeffekte zwischen IKT-Dienstleistern, Hochschulen und den Anwender-Betrieben genutzt werden, wenn das, was die Hochschule und die IKT-Unternehmen an Wissen anbieten, über Seminare, Workshops, Qualifizierungsmaßnahmen in die Anwenderbranchen getragen wird.

Ein weiteres Thema, das Mittelständler sowohl auf der Seite der IKT-Anbieter, als auch auf der Kundenseite beschäftigt, ist der Fachkräftemangel. Hier kann die Netzwerkarbeit im Rahmen der ikn2020 darin unterstützen, bereits früh eine Bindung von IKT-Fach- und Führungskräften an mittelständische Unternehmen zu erzielen, unabhängig davon in welcher Branche.

Sie sprachen gerade von Tools für das Wissensmanagement aus dem Bereich der ‚Social Media’ oder ‚Web 2.0’, wie diese Technologie-Sparte genannt wird – wie groß ist die Nachfrage nach solchen Tools im Mittelstand?

Die Technologien, die im privaten Umfeld als Web 2.0 beschrieben werden, finden zunehmend ihren Weg in den beruflichen Alltag und werden hier mit Enterprise 2.0 beschrieben. Das heißt, die Übertragung von bestimmten ‚Social Media’ Entwicklungen und Techniken auf den Unternehmensalltag.

Die Nachfrage nach diesen Tools wächst immer weiter. Ich glaube gerade im eher traditionellen Mittelstand ist der Bedarf nach diesen Medien schon da, aber viele wissen es eventuell noch gar nicht. Als Anbieter solcher Technologien muss man die Anwenderunternehmen identifizieren, ansprechen und überzeugen. Es geht darum Fragen zu klären wie: Was bietet mir das mobile Internet für Potenziale im Vertrieb? Wie kann ich bestimmte Geschäftsprozesse auslagern auf dem digitalen Weg? Das mobile Computing ist definitiv einer der Trends, der in der Region Osnabrück durch Anbieter befriedigt werden kann. In diesen Tools stecken viele Potenziale für Unternehmen, um zum Beispiel den Vertrieb zu optimieren und Kosten zu senken. Daher glaube ich, die Nachfrage wird weiter wachsen. Die große Herausforderung für die Anbieter im IKT-Bereiche besteht darin mit Anwendern, also den Kunden im traditionellen Mittelstand, eine gemeinsame Sprache zu finden. Das muss sich durchsetzen, denke ich. Um hier unterstützend zu wirken, ist ein Weg, den wir zurzeit einschlagen, dass IKT-Dienstleister und Anwender zusammengebracht werden und z.B. einen Best Practice Guide herausbringen. Unternehmen skizzieren in Form eines Papers, wie sie erfolgreich mit einem Anwenderunternehmen im Mittelstand zusammengearbeitet haben. Diese Beispiele, gebündelt in einer Print-Publikation, können als Best Practice Beispiele z.B. bei Anwendermessen wie Maschinenbau- oder Logistikmessen verteilt werden.

Wo sehen Sie weitere wichtige Wachstumstreiber für die mittelständische Wirtschaft?

Ich glaube, viele Faktoren mögen für gesundes Wachstum eine Rolle spielen. Wie Marketing- und Vertriebsoptimierung oder Controlling, aber da sind viele Unternehmen in der Region meiner Ansicht nach bereits gut aufgestellt. Dagegen liegt im Personalbereich noch einiges an Potenzial. Wenn ich noch einmal auf das Thema Fachkräftemangel zurückkommen darf: Viele mittelständische Unternehmen in der Region Osnabrück, insbesondere in der IKT-Branche, suchen Nachwuchs- und Führungskräfte. Viele Studierende gehen in der Regel während des Studiums für ein Praktikum zu großen Unternehmen, weniger in den Mittelstand der Region. Insbesondere für Mittelständler ist es daher wichtig den Kontakt zu Hochschulen zu suchen durch Betreuung von Diplomarbeiten und Seminararbeiten, indem der Geschäftsführer in die Unis geht und Vorlesungen oder Vorträge hält. Wer hier das Potenzial in der Region nutzt und die zukünftigen Fach- und Führungskräfte früh an den Standort und an das Unternehmen bindet, der wird gut aufgestellt sein. Ich befürchte, dass viele KMUs, gerade in der IT-Branche, das noch nicht so sehen, weil die Nachfrage nach Arbeitskräften momentan noch befriedigt werden kann. Spätestens in drei bis vier Jahren sieht die Situation jedoch ganz anders aus. Und da kommt dann wieder die Netzwerkarbeit der ikn2020 ins Spiel: Wir versuchen ein Matching zwischen Hochschule und Wirtschaft, Studierenden und Unternehmen herzustellen, um dem Fach- und Führungskräftemangel entgegenzuwirken.

Im Rahmen Ihrer Netzwerkarbeit unterstützen Sie KMUs demnach u.a. im Bereich Personalmarketing?

Das ist richtig. Es wird ganz entscheidend sein, die Studierenden oder Absolventen von Hochschulen davon zu überzeugen, in der Region zu bleiben. Die fragen sich natürlich, „Was habe ich davon?“ Und hier müssen dann Aspekte wie die Unternehmenskultur und die Kultur des Standorts herausgestellt werden. Das heißt, was bietet mir ein Standort wie Niedersachsen, wie Osnabrück gegenüber Standorten wie Stuttgart oder Berlin? Wenn ich den Gedanken des Unternehmensgens auf das Netzwerk übertrage, das wir für die IKT-Branche aufbauen, geht es darum ein Netzwerkgen zu entwickeln, eine Netzwerkkultur und davon abgeleitet eine Standortkultur. Mittelständische Unternehmen müssen letztlich gemeinschaftlich vermitteln können – und dazu ist das Netzwerk prädestiniert – warum es attraktiv ist, einerseits im Unternehmen zu bleiben und andererseits am Standort zu bleiben. Das ist ein wichtiger Effekt, der durch den Aufbau von Unternehmensnetzwerken erzielt wird – der Verbundeffekt. Ein weiterer ist der Kompetenzeffekt, durch Wissens- und Technologietransfer. Der dritte Effekt ergibt sich durch die kollaborative Zusammenarbeit, die optimalerweise aus solchen Netzwerken resultiert, nämlich der Kosteneffekt durch die Verkürzung von Produktionszyklen, die gemeinsame Herstellung von bestimmten Produkten in Projekten.

Das Zusammenfinden in Unternehmensnetzwerken für eine gemeinsame Standortkultur wirkt demnach ebenfalls wachstumsfördernd im Mittelstand?

Das ist ganz bestimmt so. Für das Schaffen einer Standortkultur, ist es ganz entscheidend – vom Geschäftsführer bis zum Mitarbeiter –, dass man bereit ist unternehmensübergreifend voneinander zu lernen, neue Trends aufzunehmen und auf potenzielle Partner zuzugehen.

Vielen Dank für dieses ausgesprochen interessante Gespräch, Herr Holterhues!












Christian Holterhues
Geschäftsstellenleiter
ikn2020

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