Gesundes Wachstum im Mittelstand
31.08.2016, 18.00 - 20.00 Uhr
Vortrags und Podiumsdiskussion in Meppen

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Wirtschaftsförderung Kreis Soest GmbH.

Interview für den essenzio Wachstumsbrief mit Volker Ruff, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Kreis Soest GmbH.

Die Wirtschaftsförderung Kreis Soest GmbH berät und fördert Firmen der Region z.B. bei Unternehmensgründungen und Fragen der Unternehmensnachfolge, in Bezug auf Förderprogramme, bei Aufbau von Netzwerken oder der Entwicklung neuer Technologien, sowie in Krisensituationen. Volker Ruff, seit Januar 2009 Geschäftsführer der wfg, spricht im Interview über seine Erfahrungen mit Erfolgs- und Wachstumsfaktoren bei Unternehmen aus dem mittelständischen Bereich.

In unserem Essenzio-Modell betrachten wir das Thema Wachstum aus den Perspektiven Menschen, Prozesse, Finanzen, Kunden und der Gesamtsicht, der fünften Perspektive. Aus welcher Perspektive sehen Ihre Kunden das Thema Wachstum und was sind aus Ihrer Sicht Wachstumsbringer?

Man muss die Frage vielleicht ein bisschen differenzierter beantworten. Ich glaube, dass immer auch eine zeitliche Perspektive mit dazu gehört, vielleicht als sechste Perspektive oder als Querschnittsperspektive. Denn der Schwerpunkt vieler Organisationen oder Unternehmen ändert sich mit der Zeit, das heißt, wenn bei der Gründung eines Unternehmens, im Wesentlichen Wert auf die Prozesse gelegt worden ist, nämlich das Produkt zu entwickeln, Innovationsmanagement und Qualitätsmanagement zu betreiben, verändert sich im Laufe der Zeit die Perspektive und man geht dann sehr stark auf die Kunden ein, weil man sein Produkt kundenorientiert anbieten möchte. Was in dem Zusammenhang wichtig ist, sind die Finanzen und natürlich die Menschen. Viele der erfolgreich arbeitenden Unternehmen, die ich momentan kenne, legen zwar viel Wert auf Prozesse und auf Finanzen, aber das wird eher im Hintergrund organisiert. Was meines Erachtens bei erfolgreichen Unternehmen sehr gut funktioniert, ist die Kunden- und Menschenperspektive. Wir starten derzeit das Projekt „Familienfreundliches Unternehmen“. Früher war das ein weicher Standortfaktor. Heutzutage ist Fachkräftemangel ein wichtiges Thema. Wir merken immer wieder, dass die Unternehmen versuchen, ihre Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden und gleichzeitig auch die Personalführung und Personalentwicklung erfolgreich zu gestalten, denn dadurch entsteht innerhalb des Unternehmens ein Mehrwert, ein Unternehmensgefühl. Wenn die Mitarbeiter stolz sind, im Unternehmen mitarbeiten zu dürfen, entwickeln sie dadurch wieder in anderen Prozessen oder anderen Perspektiven Output. Wie z.B. im Vertrieb und im Marketing, weil der Mitarbeiter dann mit Herzblut hinter den Produkten steht. Dieses ganze Thema Menschen, Personal, Personalführung wird meines Erachtens in den letzten Jahren für erfolgreiche Unternehmen immer wichtiger. Gute Beispiele in dem Zusammenhang sind natürlich die Großunternehmen, die aufgrund ihrer Struktur einfach einen Schritt weiter sind. Die bieten flexibles Mitarbeitermanagement an, sie binden Mitarbeiter über starke Fortbildungsprogramme an sich und helfen teilweise sogar dabei, Bauplätze in der Region zu finden, weil nur so die Menschen dauerhaft hier am Standort bleiben.

Sie wiesen gerade darauf hin, dass vor allem die Großunternehmen solche Leistungen anbieten. Haben Mittelständler da nicht Schwierigkeiten mitzuhalten?

Mittelständler können sehr gut von großen Unternehmen profitieren, weil sie in Kooperation mit größeren Unternehmen merken, was dort möglich ist. Dadurch, dass Großunternehmen die Möglichkeiten vorleben, werden Strukturen geschaffen, die KMUs kopieren können; man kann z.B. sehen, was Großunternehmen mit welcher Priorität betreiben. In dem Zusammenhang ist es wichtig, den Austausch zwischen größeren und kleineren Unternehmen anzukurbeln. Der kleine Mittelständler kann von Initiativen, durch die Konzentration auf Modelle, wie das von Ihnen entwickelte, profitieren, da er direkt sieht, was das größere Unternehmen gerade tut.

Haben Sie ein konkretes Beispiel eines Mittelständlers, der von einem Konzern oder von einer größeren Firma gelernt hat?

Wir organisieren, wie gerade angesprochen, das Zertifikat „Familienfreundliches Unternehmen im Kreis Soest“. Und dort ist u.a. die Warsteiner Brauerei dabei, aber auch die Tierarztprxis Dr. Andrae aus Lippstadt, also ein mittelständisches Unternehmen mit etwa 6 Mitarbeitern. Wir organisieren gemeinsam in Arbeitsprozessen, wie man Mitarbeiter an sich binden kann, wie man Aus- und Fortbildung organisieren kann, wie man evtl. flexible Arbeitszeiten organisiert. Da lernt das Großunternehmen vom Mittelständler, welche Möglichkeiten auch in einem kleinen Unternehmen realisiert werden können. Und umgekehrt sieht das kleine Unternehmen, wie das große organisiert ist. Da gibt es einen direkten Austausch.

Und sehen Sie gerade in dem Austausch der Betriebe unterschiedlicher Größen ein besonderes Plus?

Unternehmen, die erfolgreich sind, die erfolgreich wachsen, sind vernetzte Unternehmen. Ganz eindeutig. Ich kann Ihnen etwa 500 Unternehmen hier im Kreis nennen, die offen sind für Initiativen, für Ideen, die Innovation betreiben und sich auch eigenständig für Wachstumspreise bewerben. Das sind immer die gleichen Unternehmen, aber das sind auch die besonders erfolgreichen Unternehmen hier im Kreis Soest, weil die sich untereinander vernetzen, miteinander kommunizieren und auch Gemeinschaftsprojekte machen. Es ist für mich eindeutig, dass die Unternehmen erfolgreich sind, die stark vernetzt sind, die beim BVMW, beim Unternehmerverband, über eine Wirtschaftsförderung oder in kleineren Netzwerken aktiv sind, um dort ihren Vorteil zu finden und gemeinsam etwas zu tun. Also nicht immer nur für sich den besten Nutzen herauszuziehen, sondern gemeinsam Initiativen anzuschieben.

Also sehen Sie das Abschotten gegen Andere, vielleicht gegen den  Wettbewerb, eher als Wachstumshemmer?

Meines Erachtens ganz eindeutig. Es gibt sicher Branchen, wo es ganz wichtig ist, dass man seinen Innovationsvorsprung halten kann. Aber selbst in solchen Branchen gibt es durchaus auch Einrichtungen und Erfahrungen, wo man genau das Gegenteil mitbekommt. Das Kunststoff-Institut in Lüdenscheid ist ein ganz hervorragendes Beispiel. Das Kunststoff-Institut ist ein An-Institut an der Fachhochschule Südwestfalen mit einem Trägerkreis von etwa 150 Mitgliedsfirmen dahinter. Das sind alle wichtigen Unternehmen aus der Region und darüber hinaus, die im Bereich Kunststoff agieren: Es handelt sich dabei durchaus um direkte Konkurrenten und trotzdem kooperieren sie, um vielleicht zusammen dieses Quäntchen Vorsprung zu haben, was sie vor einem dritten Größeren brauchen. Selbst in solchen, hoch technologisierten Bereichen, wo es durchaus um Geheimhaltung geht, ist Kooperation ein Thema. Vernetzung ist neben den ganzen anderen Wachstumsfaktoren eine wichtige und übergeordnete Perspektive: Über den Tellerrand hinauszuschauen, sich mit anderen Branchen zusammenzutun, Initiativen zu nutzen, von anderen zu lernen, aber durchaus auch offen zu sein, ein bisschen abzugeben – das sind ganz wichtige Punkte. Wenn man ein gutes Produkt hat, wenn man sein Unternehmen gut aufgestellt hat, Vertrieb, Marketing und Kundenorientierung, IT-Infrastruktur und die Finanzierung stimmt, dann sind es die wesentlichen Komponenten, dass man seine Mitarbeiter zufriedenstellt, sie hält, einbindet in den Prozess der Produktion und der Weiterentwicklung des Unternehmens. Das ist das größte Kapital. Und wenn man das geschafft hat, dann ist der Königsweg, sich nach außen zu öffnen und Kooperationen einzugehen, Netzwerkmanagement zu betreiben, Initiative zu ergreifen, um gemeinsam neue Produkte zu entwickeln.

Ich zeichne jetzt einmal ein Bild eines Handwerks-Unternehmers: 20 Mitarbeiter, der Chef arbeitet selber mit und der hört jetzt Ihre Ideen. Der sagt dann: „Das hört sich gut an, aber wann soll ich denn das noch machen?“ Was raten Sie dem?

Gerade dann. Es ist schön, dass er viel zu tun hat, aber er muss auch an die Zukunft denken. Dafür muss man die Zeit finden. Aufgaben eines Geschäftsführers sind u.a. Mitarbeiterführung, rechtzeitig für neue Ideen zu sorgen und neue Kunden zu finden. Unsere Aufgabe ist es, ihm Möglichkeiten aufzuzeigen, wo er was machen kann und solche Ideen nach vorne zu bringen. Entscheiden muss letztlich der Unternehmer. Unser Ziel ist nicht die Mehrbelastung der Unternehmen, sondern wir sind die Wirtschaftsförderung, wir möchten, dass Geld eingespart wird, dass das Unternehmen besser funktioniert, Fachkräfte in das Unternehmen kommen oder Innovationen betrieben werden. Unsere Vorgehensweise ist nachfrageorientiert: Wenn wir merken, da ist ein Projekt oder ein Produkt oder ein Problem, versuchen wir, eine Lösung zu finden oder einen Weg aufzuzeigen. Und das immer vor dem Hintergrund, Optimierungspotenziale im Bereich Finanzen oder Prozesse oder Menschen oder Kunden aufzuzeigen. Das sind die Sachen, für deren Aneignung im täglichen Geschäft wenig Zeit bleibt. Für kleinere Unternehmen sind wir eine Art Entwicklungsabteilung. Nicht in technischen Dingen, aber was Unternehmensführung, was Controlling, was Menschenführung angeht. Über den Tellerrand hinwegzusehen und Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Das ist unsere Aufgabe.

Kernpunkte unseres bisherigen Gesprächs waren der Faktor Mensch und der Faktor der Vernetzung. Gibt es noch andere Faktoren, die Ihrer Meinung nach eine wichtige Rolle spielen?

Ja. Was mir besonders am Herzen liegt ist das ganze Thema Prozess- und Innovationsmanagement. Wir reden ja im Wesentlichen über kleine und mittelständische Unternehmen der Region. Nur 0,4% der Unternehmen in Südwestfalen haben mehr als 250 Mitarbeiter. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit hier in der Region, und zwar in Lippstadt,  die zweite Fachhochschule (Hochschule Hamm-Lippstadt) neben der eingesessenen Fachhochschule Südwestfalen bekommen. Denn neben dem ganzen Bereich, den wir gerade besprochen haben, in Bezug auf Personal und Fachkräfte, ist es ganz wichtig, dass Unternehmen ihre Produkte stetig weiterentwickeln und Innovation betreiben. Das heißt, dass sie sich weiterentwickeln, dass sie ihre Prozesse weiterentwickeln. Da hilft natürlich eine Fachhochschule ganz enorm weiter. Denn dort wird wirklich praxisorientiert geforscht. Hochschulen und Universitäten sind wichtig, um Grundlagenarbeit zu machen, aber unsere Fachhochschulen, sind sehr stark unternehmensnah betrieben. Das heißt also, dort werden Auftragsarbeiten erledigt, da wird ganz eng mit der Wirtschaft zusammengearbeitet. Und diesen Prozess zu organisieren und diese Chance aktiv zu suchen, das ist wichtig. Sich mit der Fachhochschule zusammenzubinden und sich dort über Studenten das Wissen einer Hochschule ins Unternehmen zu holen. Das muss man als Unternehmer organisieren, strukturieren, da muss man strategisch rangehen. Wir sind hier in unserer Region relativ produktionsorientiert, oder naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet. Wenn ein Fachgebiet an den Fachhochschulen nicht vertreten ist, dann müssen sich die Unternehmen an die umliegenden Hochschulen nach Münster oder nach Dortmund wenden, denn Innovationen finden nicht nur bei Produktionsunternehmen oder bei gewerblichen Unternehmen statt, sondern auch gerade in Dienstleistungsunternehmen. Sich da auszutauschen, um auch selbst im Dienstleistungsbereich immer wieder neue Produkte und Innovation hervorzurufen, ist meines Erachtens eine der wesentlichsten Wachstumsstrategien überhaupt. Eine Wachstumsstrategie und Wachstum impliziert automatisch Bewegung. Wenn man sich nicht bewegt, dann kommt es zum Stillstand und wenn man zu lange steht, fällt man irgendwann um.

Sehr geehrter Herr Ruff, vielen Dank für das ausgesprochen interessante und aufschlussreiche Gespräch!

 

 

 

 

 

 

                                   Volker Ruff,

                                   Geschäftsführer der                                                   Wirtschaftsförderung Kreis                                        Soest GmbH

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