Gesundes Wachstum im Mittelstand
31.08.2016, 18.00 - 20.00 Uhr
Vortrags und Podiumsdiskussion in Meppen

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BVMW Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim.

Interview mit Michael Woltering, Kreisgeschäftsführer des BVMW Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim.

Michael Woltering ist Kreisgeschäftsführer und Regionalbeauftragter des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVWM) im westlichen Niedersachsen. Der BVMW ist eine Solidargemeinschaft, die berufs- und branchenübergreifend die Interessen kleiner und mittelständischer Unternehmen vertritt. Die BVMW-Region Westfalen-Osnabrück umfasst ca. 1.400 Unternehmensmitglieder. Eine wichtige Funktion der BVMW Verbandsarbeit von Michael Woltering besteht darin, seinen Mitgliedern Räume und Möglichkeiten zu eröffnen, um miteinander in Kontakt zu treten, sich zu vernetzen und sich zu bestimmten Themen in regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen auszutauschen.

Herr Woltering, wo sehen Sie die größten Wachstumstreiber für mittelständische Unternehmen?

Eine grundlegende Voraussetzung für Wachstum im Mittelstand ist es, ein Produkt oder eine Dienstleistung anzubieten, die marktgerecht ist, die gekauft wird und die entsprechend attraktiv ist. Daher sind Innovation und Qualität zwei entscheidende Faktoren. Das macht viele Unternehmen in der Region aus – sie stechen durch Qualität und Hochwertigkeit hervor. Die sogenannten ‚Hidden Champions’ – Unternehmen, bei denen hinter dem, was in der Öffentlichkeit vermarktet wird, absolute Spitzentechnologien, bzw. im Dienstleistungsbereich, Spitzenleistungen stehen.

Ein weiteres Kriterium, um gesundes Wachstum zu generieren, ist die Orientierung am Kunden. Ein entsprechendes zielgerichtetes Marketing, um das Image zu multiplizieren und zwar marktgerecht, sodass das Marketing nicht an die breite Öffentlichkeit gerichtet ist, sondern an die entsprechende Zielgruppe. Meiner Ansicht nach gibt es auf diesem Gebiet bei vielen Unternehmen ein starkes Entwicklungspotenzial. Vielen Unternehmen ist noch nicht bewusst, dass sie sehr gut aufgestellt sind, dies jedoch vielleicht noch anders nutzen könnten. Und genau das macht die Netzwerkarbeit aus: sie bringt die entsprechenden Entscheidungsträger zusammen, die von alleine nicht zusammenfinden würden. Hier liegt noch sehr viel Potenzial.

Sie sehen also Netzwerken als einen entscheidenden Punkt, von einander zu profitieren. Ist das richtig?

Ja, denn so entsteht ein Austausch darüber, wie bestimmte Dinge in den verschiedenen Unternehmen der Region gehandhabt werden, davon profitieren alle. Wenn Unternehmen mit Mailings oder mit den üblichen Marketinginstrumenten arbeiten, kommen sie oft an den Punkt, wo alle Maßnahmen beim potenziellen Verbraucher im Papierkorb landen. Die Aufmerksamkeit bei solchen Aktionen ist zu gering. Letztlich ist es der persönliche Kontakt, das Kennenlernen und das Vertrauen, das maßgeblich ist damit die Leute merken, sie können gegenseitig voneinander profitieren. Dies ist der Punkt, wo wir vom BVMW Entwicklungspotenzial und Handlungsbedarf sehen und daher als Verband tätig werden. Gleichwohl stelle ich insbesondere bei den jüngeren Generationen von Mittelständlern, die sich zurzeit im Nachfolgeprozess befinden, eine deutliche Offenheit und ein aktives Interesse an der Vernetzung untereinander fest. Hier wurden die Vorteile und Chancen erkannt und diese werden jetzt nach und nach umgesetzt.

Viele mittelständische Unternehmen haben seit Jahrzehnten die gleichen Zulieferer- und Kundenstrukturen, die zum Teil regional und zum Teil national sind. Durch die Globalisierung gibt es jetzt andere Informations- und Transportströme. Es gibt Strukturen, die es vorher nicht gab und die den globalen Markt plötzlich auch für Mittelständler zugänglich machen. Beispielsweise werden Transportkosten geringer. Dementsprechend ist die Konkurrenz, die Wettbewerbssituation viel härter und daher ist eine Neuausrichtung der Strukturen dringend notwendig.

Hat das Ihrer Meinung nach etwas mit Generationsübergängen zu tun bzw. mit Erfordernissen, die aus dem Wirtschaftsleben heutzutage resultieren?

Absolut. Wachstum ist davon abhängig, dass man eine interne Prozessperspektive hat, eine Kundenperspektive und damit eine Wachstumsstrategie. Da bedarf es einer Veränderung in der Denkweise im Unternehmen. Und diese Veränderung muss auf der übergeordneten Ebene der Personalführung angestoßen werden, da kommt es letztlich auf die Mentalität an. Wie wird mit den Mitarbeitern umgegangen, wie bindet man sie und wie gewinnt man sie neu? Denn mittel- und langfristig ist das Hauptproblem im Mittelstand, das schon virulent ist, der Fachkräftemangel. Hier muss strategisch an die Fragen der Personalbeschaffung und -bindung herangegangen werden.

Demnach ist der Fachkräftemangel nicht nur ein Thema unter der Überschrift „Demografischer Wandel“, sondern hat Ihrer Ansicht sehr viel mit Bildung, Ausbildung und den Arten von Menschen zu tun, die man heutzutage in einem florierenden Unternehmen braucht?

Genau. Es geht nicht nur um den demografischen Wandel, sondern um die Frage, wie man für Menschen aus anderen Regionen eine Anstellung im Unternehmen und damit die Verlagerung des Lebensmittelpunkts attraktiv machen kann und wie man sie binden kann. Dementsprechend müssen Unternehmen strategische Personalentwicklung betreiben, wenn sie nachhaltig wirtschaften wollen und vor allem Wachstum sichern möchten.

Der Fachkräftemangel ist letztlich auf einer übergeordneten Ebene ein Beispiel für strategisches Denken und Handeln in Unternehmen. Die Unternehmen, die nicht strategisch denken, bleiben irgendwann auf der Strecke, das haben wir an vielen Beispielen gesehen. Daher müssen die Unternehmensentscheider sich die Zeit nehmen, um über strategische Fragen nachzudenken, auch wenn dies im Tagesgeschäft oft nicht ganz einfach ist. Bleibt das strategische Vorgehen aus, so macht sich dies sehr schnell in allen Bereichen im Unternehmen bemerkbar: Wenn wir bei dem Beispiel Personalbeschaffung und -bindung bleiben, stellt sich dann sehr schnell die Frage „Wo bleibt der geeignete Nachwuchs?“. Ein anderes Beispiel sind Vertrieb und Marketing: Wenn man sich hier keine Gedanken darüber macht, wohin sich das Unternehmen entwickeln soll, sondern althergebrachten Mustern und Prozessen folgt, dann ist die Wirkung der Vertriebs- oder Marketing-Maßnahmen irgendwann gleich Null. Oder das Thema Innovation: Wer sich nicht ständig über den Markt informiert und up to date bleibt, der wird sich über kurz oder lang fragen müssen: „Die Konkurrenz leistet mehr als wir. Was haben wir falsch gemacht?“

Damit wandelt das Unternehmen letztendlich sein Erscheinungsbild. Dieser Wandel ist vielleicht nicht von heute auf morgen sichtbar, aber am Ende doch gravierend.  Ein Unternehmen ist Ihrer Ansicht nach also im Grunde ständig im Wandel begriffen?

Ja, so sehe ich das. Der Trend ist, dass wir in Deutschland nicht mehr Quantität, sondern Qualität produzieren und dieser Trend setzt sich gerade im Mittelstand durch. Das bedeutet, dass Hochwertigkeit – die Qualität der Produkte, der Dienstleistungen und des Services –  hervorragend sein muss, wenn man bestehen will. Und dieser Qualitätsanspruch muss dann natürlich nach Außen getragen werden, damit man auf dem Markt sichtbar wird.

Das können Unternehmen nur, wenn sie nutzenorientiert Netzwerken. Wenn sie sich öffnen und sich ansehen, wie Dinge in anderen Unternehmen geregelt werden und davon lernen. Wenn dieses nutzenorientierte Netzwerken nicht stattfindet, dann dreht man sich irgendwann im eigenen Saft und dabei entsteht wenig Neues und Innovatives.

Was heißt für Sie „nutzenorientiertes Netzwerken“?

Netzwerken bedeutet, ein Unternehmer muss sich zum Beispiel überlegen: „Wenn ich meine wertvolle Zeit einsetze, um strategische Entscheidungen zu treffen, welche Informationen brauche ich dann und wo kriege ich diese Informationen, die nötigen Kontakte her, um einen Mehrwert für mein Unternehmen zu erzielen?“ Diese Überlegung mündet darin, dass Kontakt zu Institutionen aufgenommen wird, die genau dabei unterstützen. Möglichst persönlich und möglichst so, dass der Nutzen, den man sich erhofft, daraus erwächst. Das muss nicht unbedingt sofort wirtschaftliches Wachstum durch Aufträge sein. Mittelständische Unternehmer und Entscheider wünschen sich hier einen Rahmen, in dem vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Entscheidungsträgern geschaffen werden, die dann unter Umständen Bereiche aufzeigen, an die man vorher nicht gedacht hat.

Ein wesentliches Defizit hier in der Region liegt im Bereich ‚Wissenstransfer’ – insbesondere was die Vernetzung mit Hochschulen angeht. Viele Unternehmen haben noch nicht erkannt, wie groß der Mehrwert ist, der aus der Zusammenarbeit mit Hochschulen resultiert. Dies gilt besonders für Themen wie Recruiting von neuen Mitarbeitern und Innovationskraft. Doch viele Hochschulen hinken selbst ebenfalls hinterher was die Kooperation mit der Wirtschaft angeht. Sie verstehen sich noch nicht als regionale Kooperationspartner, sondern als ‚Monolith’, in dem Wissen produziert wird – angebliche Exzellenz, die letztlich aber nicht der Region zugute kommt. Noch ein Bereich, in dem ich großes Entwicklungspotenzial sehe.

Herr Woltering, wir bedanken uns für das ausgesprochen interessante Gespräch.

 

 

 

 

Michael Woltering,

Kreisgeschäftsführer des BVMW                 Osnabrück-Emsland-Grafschaft                     Bentheim

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