Gesundes Wachstum im Mittelstand
31.08.2016, 18.00 - 20.00 Uhr
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skate-aid e.V.

Interview mit Titus Dittmann, Skateoard-Pionier und Gründer von skate aid e.V.

Titus Dittmann, Jahrgang 1948, ist ein Skateboard-Pionier der ersten Stunde. Er brachte das professionelle Skateboarding bereits 1978 nach Deutschland. In Europa war dieser Sport nahezu unbekannt und es gab keinerlei Equipment. Titus Dittmann flog damals regelmäßig nach Kalifornien und besorgte Skateboards und weiteres Equipment und verkaufte es als einer der ersten in Deutschland. 1984 machte er sich mit seiner Passion selbständig. Aktuell existieren deutschlandweit über 30 „Titus“-Shops, die sich trotz e-Business reger Beliebtheit erfreuen. Herr Dittmann widmet sich seit 2009 dem humanitären Projekt „skate-aid“. Uwe Horstmann sprach mit Titus Dittmann über seinen unternehmerischen Erfolg jenseits der Norm.


Herr Dittmann, sind Sie Deutschlands außergewöhnlichster Skateboarder?


Ich kenne nicht alle Skateboarder Deutschlands, aber ich denke schon, dass jemand, der mit 65 Jahren noch aktiv skated, nicht häufig anzutreffen ist.

Mögen Sie kurz erklären, warum Sie sich mit dieser Jugendkultur identifizieren?

Ganz einfach: Skaten macht mir riesen Spaß. Dass diese Identifikation überhaupt möglich ist, liegt am Wandel unserer Gesellschaft. Es wird generell nicht mehr altersmäßig geclustert, sondern die Altersstrukturen sind aufgebrochen. Lebe ich eine Gesinnung, gehöre ich dazu – egal wie alt ich bin. Ich nenne das eine ästhetische Gesinnungsgenossenschaft. Dieser Wandel bringt unsere Gesellschaft weiter.

Das leuchtet ein. Wie war Ihr Werdegang bis dahin? Der Ausbruch aus dem klassischen Rollenverhalten hin in eine ästhetische Gesinnungsgenossenschaft zeugt von Lebenserfahrung.

Nach meinem Pädagogikstudium habe ich zunächst als Studienrat gearbeitet. Danach wechselte ich ins klassische Unternehmertum, in dem ich dann über 30 Jahre zu Hause war. Im Moment befinde ich mich in der dritten Lebensphase: der Stiftungsphase. Ich war schon immer sehr engagiert – als Unternehmer habe ich über Jahrzehnte hinweg das Jugendkulturzentrum in Münster finanziert.

Sind Sie in all den Jahren hinter „Das Erfolgsgeheimnis“ gekommen?

Ich denke, es gibt nicht „Das Geheimnis“. Der Erfolg im Unternehmen folgt individuellen Gesetzen. Es ist wie beim Kochen: Jede Zutat muss immer zu allen anderen passen. Man kann nicht x-beliebige Nahrungsmittel mischen und dann einfach z.B. Salz hinzufügen und hat ein leckeres Mahl.

Das Erfolgsgeheimnis von ‚Titus’ ist meiner Meinung nach die Quintessenz der Erkenntnisse, die ich aus meinen Entscheidungen aus dem Bauch gezogen habe. Konfuzius sagte: „Suche Dir einen Job, den Du liebst und Du wirst nie mehr arbeiten müssen“. Dieses Prinzip erleichtert vieles, weil der Mensch seine Zufriedenheit über seinen materiellen Vorteil stellt. Geld allein ist auf Dauer keine Motivation, da auch das relativ ist. Schaue ich nach unten, bin ich zufrieden, schaue ich nach oben bin ich unzufrieden.

Also lautet die Devise: Schau was du gern machst, mache das gut und dann kommt Geld dabei raus?

So einfach ist es nicht mit der Passion to Profession. Natürlich muss ein gewisser Geschäftssinn vorhanden sein. Nur dem Spaß zu folgen, ist nicht zwangsläufig zielführend. Eine Vision und Leidenschaft gepaart mit Effizienz, das ist eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg.

Gibt es Ihrer Meinung nach Parallelen zwischen der Skaterszene und der Unternehmerwelt?

Auf jeden Fall. Beim Skaten werden Eigenschaften ausgebildet, die einen als Unternehmer ebenfalls weiterbringen: das Aushalten und Wegdrücken des Schmerzes nach dem Hinfallen. Dann wieder aufzustehen und es gleich noch mal zu probieren. Oder unter Zeitdruck Performance zu zeigen. Jeder kennt die Skater, die vor einem öffentlichen Gebäude warten, um den Hausmeister auszutricksen, der nicht möchte, dass sie auf den tollen, glatten Flächen oder dem Treppchen skaten – um es dann doch zu tun und so unter der Gefahr erwischt zu werden, eine gute Performance bieten. Ein Skater muss leistungsbereit sein, kreativ und stressresistent. Alles Eigenschaften, die einem Unternehmer genau so gut zu Gesicht stehen.

Sie haben das humanitäre Projekt „skate-aid“ ins Leben gerufen. Was hat Sie bewogen, sich in diesen Bereich zu wagen?

Durch meine Sozialisation und die Anti-Unternehmerhaltung der 68er war ich schon immer anders gepolt als andere. Menschlichkeit und Hilfe für Bedürftige war immer ein Teil meines Lebensbildes. Wenn ich für etwas gebrannt habe und das Zeitfenster offen war, war ich mutig, bin durchgesprungen und habe die Chance genutzt. Mut ist für mich nicht‚ einfach irgendetwas machen’, sondern Mut bedeutet, sich mit seiner Vision mental so intensiv zu beschäftigen, dass man die Angst in den Griff bekommt - denn Angst ist relativ. Als ich zum Beispiel zum ersten Mal für die Stiftung skate-aid nach Afghanistan geflogen bin, hat mich jeder für verrückt erklärt, so dass ich es selber mit der Angst zu tun bekam. Ich habe dann die Statistiken gegenüber gestellt, wie viele Menschen täglich in Afghanistan durch Bombenexplosionen sterben und wie viele Menschen täglich auf Deutschlands Autobahnen ihr Leben verlieren – letzteres ist deutlich mehr. Trotzdem hatte jeder meiner Gesprächspartner mehr Angst vor dem Flug nach Afghanistan als vor den Fahrten auf der Autobahn. Mein Fazit: das ist nur die Angst vor dem Unbekannten.

Wie würden Sie skate-aid beschreiben? Was ist das Besondere daran?

Skateboarding kennt weder Grenzen noch Krieg, deswegen ist es das ideale Mittel, um Kinder und Jugendliche zu erreichen. Wir fördern Kinder- und Jugendprojekte in Krisengebieten und sozialen Brennpunkten. In einer Erwachsenenaltmännerdominanz wie z.B. Afghanistan werden die jungen Menschen dann als „gut gelungen“ bezeichnet, wenn sie 1:1 das Lebensbild ihrer Eltern übernehmen. Eigenes Denken, eigene Wünsche, ein bisschen Rebellion – das wird nicht geduldet und im Keim erstickt. Skateboarding ist deswegen die stärkste Jugendkultur geworden, weil der Jugendliche genau dies besser kann als seine Eltern. Die Erwachsenen haben diesen Bereich nicht adaptiert, weil sie es einfach nicht können. Skateboarden macht selbstbewusst, ist also identitätsstiftend und persönlichkeitsbildend. Außerdem gibt es gedanklich Raum für Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Das führt letztlich nicht direkt, aber indirekt in der zweiten Generation zu einem Andersdenken und gibt Hoffnung auf eine Beendigung der Kriege.

Respekt, dass Sie Zeit haben für diese humanitären Dinge. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?

Für mich ist der Satz „Ich habe keine Zeit“ eine grundsätzliche Lüge. Jeder Mensch hat 24 Stunden am Tag, die ihm zur Verfügung stehen. Wenn jemand zu mir sagt „An diesem einen Tag habe ich keine Zeit“ meint er eigentlich „An diesem einen Tag habe ich für dich keine Zeit, ich habe etwas Wichtigeres zu tun“. Jeder Mensch priorisiert sich, was gut ist. Von daher kann niemand sagen „Für humanitäre Projekte habe ich keine Zeit“. Er sollte ehrlich sein und sagen „Humanitäre Projekte sind für mich nicht so wichtig“.

Hat Ihr humanitäres Engagement Ihrer Meinung nach Einfluss auf Ihre Unternehmenskultur? Wie muss ein Mensch sein, der bei Ihnen arbeiten möchte?

Es ist eher andersherum: mein pädagogischer Hintergrund hat Einfluss auf die Art, wie ich das Unternehmen führe und welche Prioritäten ich setze, u.a. skate-aid. Ich versuche nicht mit Scheuklappen und nur mit der Autorisation meines Titels zu führen. Ich möchte ein Vorbild sein. Begeisterung wecken und Leute mitreißen – das kann ich. Ein potenzieller Mitarbeiter muss mich spüren lassen, dass er für die Idee brennt, die Werte und das Wertesystem müssen zueinander passen – er muss zur ästhetischen Gesinnungsgenossenschaft gehören.

Einerseits möchten Sie als Unternehmensinhaber, dass sich die Mitarbeiter der Organisation fügen – andererseits reden Sie von Selbstverwirklichung und dem Wunsch an Ihre Mitarbeiter, sich einzubringen und kreativ zu sein – wie passt das zueinander?

Wichtig ist der Respekt. Auch der Respekt vor der Rebellion! Ebenso die Begeisterung für eine gemeinsame Sache, denn Begeisterung ist Dünger für das Gehirn. Mein pädagogischer Hintergrund hat mir geholfen, dieses Unternehmen zu führen, denn im Grunde ist dies nichts anderes als Eltern, die ihr Kind durch die Pubertät führen, ohne dass es knallt. Das Ganze funktioniert nur mit Respekt und Selbstdisziplin. Wie kann man z.B. von einem Jugendlichen Respekt erwarten, wenn man ihm keinen Respekt zollt? Auf die Mitarbeiterführung ist dies definitiv übertragbar.

Die Pädagogik ist auf das Marketing interessanterweise gut übersetzbar, ein Lehrer will sein Wissen doch auch an seine Schüler ‚verkaufen’! Ich bin aus diesem Blickwinkel quasi ein Marketingexperte.

Hat Ihr humanitäres Engagement Sie persönlich verändert?

Ja, natürlich. Wenn ich z.B. aus Afghanistan zurückkomme und hier in Deutschland lande, wird mir bewusst, dass ich gerade aus einem Land komme, wo mich mehrheitlich glückliche Gesichter angeguckt haben – obwohl dort Krieg herrscht. In Deutschland ist dieses Bewusstsein für das Glück, in Frieden leben zu können, nicht präsent. Es wird gern über Nichtigkeiten geschimpft. Durch mein Engagement habe ich festgestellt, was für ein Glück ich im Leben habe.

Herr Dittmann, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

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