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31.08.2016, 18.00 - 20.00 Uhr
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Werbegemeinschaft Lippstadt

Interview mit Gerd Ziems, 1. Vorsitzender Werbegemeinschaft Lippstadt

Medien berichten in letzter Zeit häufiger über eine erschreckende Tendenz - Innenstädte verwaisen, Geschäfte schließen, Städte sind oft insgesamt auf dem absteigenden Ast und verarmen. Diese traurige Tendenz vieler mittelgroßer Städte haben Einzelhändler in Lippstadt erkannt und sich in der Werbegemeinschaft Lippstadt zusammengeschlossen. Herr Gerd Ziems, Geschäftsführer des Lippstädter Modehauses Lott und Vorstandsvorsitzender der Werbegemeinschaft steht im Gespräch mit Uwe Horstmann Rede und Antwort zu diesem interessanten Thema.

Herr Ziems, Sie sind der Vorstandsvorsitzende der Werbegemeinschaft Lippstadt. Was genau ist eine Werbegemeinschaft?

Eine Werbegemeinschaft ist ein Zusammenschluss von vornehmlich Einzelhändlern mit dem Ziel der geballten Einflussnahme. Die Werbegemeinschaft Lippstadt existiert seit 1984 mit mittlerweile 112 Mitgliedern. Studien zeigen, dass besonders in mittelgroßen Städten von 50.000 bis 80.000 Einwohnern der Einzelhandel massiv schrumpft. Dem steuern wir mit unseren Aktivitäten und der konzentrierten Werbekraft entgegen. Als Beispiel möchte ich hier unser Lippstädter Moonlight-Shopping anführen oder unsere verkaufsoffenen Sonntage. Nur eine volle Stadt lockt viele Besucher an – dasselbe Prinzip wie in einer Kneipe. Ist es ruhig, bleibt es ruhig. Unsere Werbegemeinschaft sorgt dafür, dass diese Events organisiert und gesteuert werden – zum Nutzen und Erfolg der zahlenden Mitglieder.

Kann jeder Lippstädter Einzelhändler in dieser Werbegemeinschaft mitmachen?

Prinzipiell ja. Natürlich fallen Kosten an; damit alles gerecht zugeht, werden diese nach Quadratmeterzahl der Verkaufsfläche bemessen – beginnend bei 200 Euro/Jahr bis hin zu 5.000 Euro/Jahr.

Das hört sich in der Theorie sehr gut an. Was bringt eine Werbegemeinschaft aber tatsächlich? Können Sie ein Beispiel oder Zahlen nennen?

Gern. Wir hatten vor drei Jahren die Idee für ‚den Wunscherfüller’. Das ist ein Geschenkgutschein, der bei allen Mitgliedern der Werbegemeinschaft eingelöst werden kann: im Kino, in der Bücherei, bei der Autowerkstatt, etc.. Dieser Wunscherfüller stellte sich als Top-Idee heraus: der Umsatz in Lippstadt ist in letzten 3 Jahren auf über zwei Millionen Euro gestiegen! Das schreiben wir uns auf die Fahne. Zusätzlich bestärkt mich in meiner Tätigkeit als Vorstandsvorsitzenden das sich der Werbeumsatz der Werbegemeinschaft seit meiner Wahl  um 200% gesteigert hat.

In der Tat ein lohnender Zusammenschluss – eine klassische Win-Win Situation. Was raten Sie anderen Städten? Einfach zusammenschließen, die Macht bündeln und so Erfolge erzielen?

Im Prinzip ja – wenn sich die Richtigen zusammenschließen. Es müssen ‚Kümmerer’ dabei sein, d.h. engagierte Mitglieder. Motoren mit dickem schweren Diesel quasi – keine Ferrari. Die Tätigkeit ist ein Ehrenamt mit viel Verantwortung und viel Arbeit.

Es gibt natürlich immer Einzelhändler, die lediglich den Nutzen aus den Aktivitäten der Werbegemeinschaft ziehen, sich aber nicht an den Kosten und am Aufwand beteiligen – oftmals sind dies Franchisenehmer ohne Stadtanbindung. Die z.B. lediglich nach dem Moonlight-Shopping ihren Verkaufsraum aussaugen und sich über das Plus in der Kasse freuen. Hier gilt es Überzeugungsarbeit zu leisten, dass jeder sich an der Entwicklung der Innenstadt Lippstadt beteiligt.

Und die Hochschule bringt doch zusätzlich junge Leute in die Stadt....

Ja das stimmt. Die Hochschule ist ein enormer und nachhaltiger Standtortfaktor – ein Segen. Es kommen viele junge Leute in die Stadt, die zum einen oft hier ‚hängenbleiben’. Außerdem kommen deren Eltern und Freunde in die Stadt und sehen, was hier so los ist. Doch leider reicht das nicht. Die demographische Entwicklung ist einfach rückläufig. Wir müssen unseren Käuferkreis erweitern, indem wir besser sind als andere Städte.

Stellen Sie sich vor, ein Einzelhändler überlegt, einer Werbegemeinschaft beizutreten. Worauf sollte er dabei achten Ihrer Meinung nach?

Auf jeden Fall sollte ihm klar sein, dass das reine ‚Ich zahle also bekomme ich etwas dafür’ nicht funktioniert. Eine Werbegemeinschaft lebt von den Beiträgen und dem persönlichen Engagement der Mitglieder. Mitgliedsbeiträge zahlen und die Hände in den Schoß legen, bringt die Stadt leider nicht weiter. Wenn das jeder macht, gibt es die Werbegemeinschaft irgendwann nicht mehr – und als einzelner etwas zu bewegen ist nahezu unmöglich. Erst der Zusammenschluss konzentriert die Macht. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich für mein eigenes Unternehmen etwas erreichen will oder für 112 Unternehmen spreche.

Das leuchtet ein. Woran machen Sie Ihren Erfolg fest?

Kurzfristig ist unser Erfolg schwer zu messen. Wenn wir z.B. Moonlight-Shopping anbieten oder unser Weinfest feiern und ich auf den Parkplätzen die verschiedensten Kennzeichen sehe – das ist für mich ein Indiz dafür, dass unsere Stadt ein interessantes, gutes Image hat. Unser langfristiger Erfolg ist die Belebung der Innenstadt Lippstadts.

Was meinen Sie, wie die Zukunft des Einzelhandels in Zeiten des Internets aussieht?

Meiner Meinung nach hat der deutsche Einzelhandel – besonders der mittelständische, inhabergeführte – nur dann eine Chance, wenn er in einem bestimmten Punkt besser ist, als der internationale Franchise-Riese oder das Internet: der Service vor Ort, das Gefühl für den Kunden: „Wir sind da.“ Die Innenstadt ist nicht nur zum Einkaufen da – sie ist Kulturmittelpunkt einer Stadt, mit Kneipen, Theater und Einkaufspassagen zum bummeln. Im Internet gibt es billig, aber nicht dieses Einkaufserlebnis. Das gilt es herauszustellen und zu bewahren.

Im Grunde arbeitet die Werbegemeinschaft dann ja wie jedes andere Unternehmen....

Stimmt. Der Einzelhändler versucht, Käufer in seinen Laden zu bringen. Wir bringen diese Käufer erst in die Stadt. Das ist unser Job.

Herr Ziems, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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