Gesundes Wachstum im Mittelstand
31.08.2016, 18.00 - 20.00 Uhr
Vortrags und Podiumsdiskussion in Meppen

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Musik Produktiv GmbH & Co.KG.

Interview mit Saskia Zierenberg, Geschäftsführerin der Musik Produktiv GmbH & Co. KG

Die Musik Produktiv GmbH & Co. KG ist eines der größten Musikhäuser Deutschlands und betreibt einen erfolgreichen Versandhandel. 1974 wurde das Unternehmen in Ibbenbüren gegründet und wuchs in den Folgejahren rasant. Schon 1978 wurde der erste Katalog herausgebracht, der heute einen Umfang von über 700 Seiten aufweist. Inzwischen beliefert Musik Produktiv Musiker, Studios und Veranstaltungshäuser in ganz Europa, eröffnet Filialen führt einen sehr erfolgreichen Versandhandel.


Frau Zierenberg, wo sehen Sie den ursprünglichen Grund für das Wachstum Ihres Unternehmens?

Eine sehr wichtige Grundlage war schon immer die Kundenorientierung. Zu Anfang unserer Geschichte existierte die Branche noch gar nicht, es war also ein ganz einfaches Wachstum. Es gab die mit Teppich ausgelegten Klavierhäuser, die eine Notenabteilung hatten und eine Geige im Schrank, aber Rock ’n Roll gab es noch nicht. Mein Vater hat damals die Sachen in England gekauft und vom LKW auf der Straße verkauft. Dann hat er einen Laden gemietet und so weiter. Inzwischen ist der Markt gewachsen, wir haben Konkurrenz und müssen uns anders positionieren.

Wie sieht der Bereich der Kundenorientierung heute aus?

Das ist immer noch unser stärkster Bereich. Wir haben ein sehr gutes Image nach draußen, man gibt uns Vertrauen und hält uns für zuverlässig. Das hat auch wieder historische Gründe, denn wir sind ja bereits seit 1974 dabei, also im Vergleich zu anderen Musikhäusern sehr lange. Und seit 1984 gibt es das Handbuch, wo durchaus auch mal kritische Bewertungen von Produkten drinstanden und wir vom Kauf abgeraten haben. Die Leute vertrauen uns, weil wir das schon so lange machen.

Wie hat sich Ihr Unternehmen im Laufe der Jahre verändert?

Als mein Vater die Firma gegründet hat, war alles per Du, wie in unserer Branche üblich. Das wurde mit dem stetigen Wachstum immer schwieriger und schließlich war Musik Produktiv für fast 15 Jahre ein Franchise-Unternehmen. 2008 hat mein Vater die Firma dann komplett zurückgekauft.

Wieso haben Sie sich schließlich gegen Franchising entschieden?

Wir wollten schneller entscheiden können. Einen Versandhandel mit bis zu 14 Chefs zu führen ist einfach unmöglich. Gerade online muss alles sehr, sehr schnell gehen.

Wie ist Musik Produktiv nach dieser Veränderung organisiert?

Es gibt die Geschäftsführung, das sind Hubert Dierselhuis und ich. Ich kümmere mich hauptsächlich um den Laden hier in Ibbenbüren und Herr Dierselhuis konzentriert sich hauptsächlich auf die Menschen im Versandbereich. Dann gibt es die verschiedenen Abteilungsleiter und etwa 100 weitere Mitarbeiter. Also drei hierarchische Stufen. Nach der Rückkehr in die traditionelle Unternehmensform wurden die Verträge der Angestellten größtenteils einfach übernommen. Generell ist alles sehr positiv aufgenommen worden und wir sind ja auch nicht mit der Brechstange vorgegangen. Wir haben erst mal versucht, den Einkauf zu optimieren und haben eine zentrale Einkaufsabteilung geschaffen. Vorher hat jeder in seinem Büro seine Instrumente eingekauft, teilweise bei den gleichen Lieferanten. Das geht nun zentral und bringt den einen oder anderen Rabattvorteil mit sich.

Beurteilen Sie das Franchisemodell denn grundsätzlich negativ?

Nein. Bei uns war es vielleicht nur ein bisschen falsch angelegt. Das konnte man aber damals nicht wissen. Als mein Vater sich für Franchising entschieden hat, waren seine Geschäftspartner seine Freunde und das kann auch schwierig werden. Konzerne wie zum Beispiel McDonalds organisieren sich mit seitenweisen Verträgen, da darf es keine langen Diskussionen über Kleinigkeiten geben, das muss funktionieren. Bei uns gab es da zu viel Spielraum.

Ich habe bemerkt, dass Sie in letzter Zeit neue Filialen aufmachen?

Genau, die gehören ebenfalls in meinen Aufgabenbereich. Wir haben auch jemanden, der das Controlling macht, aber generell suche ich die Städte, die Läden, das Personal und so weiter aus. Bis jetzt haben wir fünf Filialen in Münster, Bremen, Düsseldorf, Oldenburg und Osnabrück und eigentlich ist die Idee zufällig entstanden. Unsere erste Filiale in Bremen haben wir gegründet, weil Bremen musikalisch eine Diaspora war. Viele unserer Kunden sind jedoch Bremer, sodass wir uns dann sehr erfolgreich dort niedergelassen haben. Das war also wieder eine Frage der Kundenorientierung.  Und aufgrund dieses durchschlagenden Erfolgs sind wir bereits ein halbes Jahr später nach Münster gegangen, obwohl das sehr nah an Ibbenbüren ist und wir schon ein bisschen Angst hatten, uns selbst die Kunden abzugraben. Aber das hat definitiv nicht stattgefunden.

Woran liegt das?

Das könnte mit dem Münsteraner Kunden an sich zu tun haben, der nicht gerne fährt. Der Kunde kommt dann hier in den Laden und fängt das Gespräch mit dem Satz an: „Ich bin extra aus Münster gekommen“, das ist kein Witz. Und deswegen ist der Laden in Münster sehr klein, nur etwa 100 Quadratmeter und ist auf Zubehör spezialisiert. Der Erfolg ist bombastisch, da jetzt die Münsteraner, wie die Bremer, nicht mehr wegen eines Kabels extra zu uns fahren müssen. Ein anderer Vorteil ist die persönliche Beratung vor Ort, das ist ein weiterer Schritt zum Kunden hin. Online sind viele Firmen, aber bei uns spielt Kompetenz und Professionalität im Kundenkontakt eine große Rolle.

Ist der Aufbau einer Filialkette ihre Wachstumsvision für die nächsten Jahre?

Also ich denke mir, dass wir auf jeden Fall mit den fünf Filialen noch nicht fertig sind. Momentan sind alle Filialen so aufgebaut, dass sie zumindest in der ersten Zeit sehr schnell wieder geschlossen werden könnten, falls etwas nicht funktioniert. Wenn es jetzt in Osnabrück nicht klappt, versuchen wir es in Bielefeld. Aber wir werden uns weiter auf Norddeutschland konzentrieren, hier haben wir einen guten Status. Es in Süddeutschland zu versuchen wäre verpuffte Energie. Insgesamt ist es auf jeden Fall der richtige Schritt, wenn man sich so die Städte anguckt. Dort gibt es so eine Art Ermüdung, viele kleine Einzelhändler sind nicht mehr da und das ist weder für Kunden noch für die Geschäfte schön. Wir sind mit unseren Filialen immer willkommen gewesen, einfach weil wir auch ein anderes Publikum anziehen. Und von Angesicht zu Angesicht sein Musikinstrument zu kaufen hat immer noch eine andere Qualität als im Onlineshop zu bestellen.

Was ist das Besondere an Musik Produktiv?

Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Früher waren wir mit Sicherheit und mit Abstand die Besten als Europas größtes Musikhaus. Inzwischen ist der Wettbewerb wesentlich härter geworden, doch wir gehören weiterhin zu den ersten Drei und haben unser gutes Image bewahrt. Die Vision ist nun, diese Position weiter zu halten und hart zu arbeiten. Wir werden vermutlich nicht einfach unsere Konkurrenten überholen können, das ist utopisch.

Also ist Ihre Strategie hauptsächlich das Halten des Erreichten?

Das Halten ist auf jeden Fall sehr wichtig, aber natürlich wollen wir auch Wachstum erreichen. Deswegen haben wir nun die Filialen gegründet, von den drei bereits sehr erfolgreich sind. Zwei sind erst seit Oktober geöffnet, da müssen wir noch etwas abwarten, aber insgesamt glaube ich, dass das für uns der richtige Weg ist. Den großen Wurf gab es ja schon, der große Wurf war es, Musik Produktiv zu erfinden. Jetzt müssen wir kleinere Würfe machen. Viele Dinge kann man nicht neu definieren, zum Beispiel bleibt ein Onlineshop immer ein Onlineshop. Das läuft bei uns richtig gut, ungefähr 60 Prozent des Umsatzes finden dort statt.

In welchen Gebieten ist der Versandhandel erreichbar?

Wir hatten bis zur Krise das europäische Ausland stark im Fokus. In Spanien und Frankreich waren wir überaus erfolgreich, aber Spanien beispielsweise ist uns in der Krise komplett weggebrochen. Diese Dinge würden wir gerne wieder aufleben lassen. Die Strukturen, wie beispielsweise das spanische Callcenter, das weiterhin unsere spanischen Kunden betreut, könnte einfach wieder ausgebaut werden. Das Gleiche gilt für die französischen Kunden.

Die Callcenter befinden sich hier in Deutschland?

Ja, wenn jemand aus dem Ausland anruft landet er hier bei uns und wird von einem der dortigen acht Mitarbeiter betreut, die insgesamt acht Sprachen sprechen. Englisch und Deutsch können alle und darüber hinaus gibt es russisch, türkisch, spanisch, französisch, italienisch und niederländisch.

Sie sprachen nun hauptsächlich von der Vergangenheit, was ist denn heute das besondere an Musik Produktiv?

Ein Musiker kam kürzlich hier herein und sagte: „Ich bin im Paradies“. Das sehe ich natürlich nicht mehr so, weil es mein tägliches Umfeld ist. Ich konzentriere mich darauf, was andere können und wir gerne können würden, nicht nur in unserer Branche sondern überhaupt. Doch insgesamt ist Musik Produktiv einfach ein wunderschöner Laden, das find ich immer noch. Wir bieten dem Kunden unheimlich viel und sind fachkompetent in allen Abteilungen vertreten.

Sie sind ein familiengeführtes Unternehmen, wie gestaltet sich dieser Umstand?

Wie ich schon angedeutet habe, würde ich natürlich gerne Musik Produktiv neu positionieren. Es ist in den meisten familiengeführten Unternehmen so, dass die eine Generation etwas anderes möchte als die nächste. Wichtig finde ich, dass man ein bisschen die Betriebsblindheit verlässt und sich immer wieder Anregungen von außen holt. Beispielsweise durch Gespräche mit Kunden oder mit anderen Personen. In der Familie oder in der Geschäftsführung passiert es schnell, dass sich die Gespräche immer um gleiche Themen drehen und kaum Resultate herauskommen. Wenn beispielsweise der fünfte Kunde eine bestimmte Idee anstößt, dann muss da etwas dran sein.

Vielen Dank, Frau Zierenberg, für dieses interessante Gespräch!
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